Wir kennen sie ja alle: die Facebook Diskussionen. Mittlerweile ein Synonym für Austausch auf eher, sagen wir mal, nicht so hohem Level. Jemand teilt seine Gedanken, sagt seine Meinung oder irgendwas in der Art und natürlich findet sich jemand, den das Aufregt. Ganz normal und Alltag. Ich will hier mal meine Gedanken über ein spezielles Konstrukt loswerden, das uns vegan lebenden Menschen häufig begegnet.

Auslöser

Sagen wir mal, ich teile der großen weiten Welt per Facebook meine Meinung über die Massentierhaltung mit. Wie schrecklich das für alle beteiligten Lebewesen (ausgenommen die Konsumenten vielleicht) ist, was das mit unserer Umwelt anstellt und so weiter. Ich zähle darin ein paar allgemein bekannte und anerkannte Fakten auf und sage dann meine Meinung: „Das ist ganz schlimm und wir müssen sofort damit aufhören!“.

Ertappt

Das liest nun jemand, den das furchtbar aufregt. Es stürmen negative Gefühle auf ihn ein und schalten das logische Denken aus, schneller als demjenigen klar wird, was da gerade passiert. Die Folge ist, es wird emotional argumentiert und nach Fehlern gesucht. Nicht bei sich selbst, sondern beim Gegenüber. Fehler, die nicht die Argumentation oder die Fakten angreifen, sondern den Autor persönlich. Bei demjenigen, dessen persönliche Meinung man eben gelesen hat. Man behalte im Hinterkopf: persönliche Meinung.

Übertragung

Wie geht es nun konkret weiter? Wir ahnen es schon, denn es bleiben ja nicht viele Möglichkeiten. Jemand, der von seinen Gefühlen übermannt wird, wird auch genau in dieser Richtung reagieren: emotional. Das bedeutet, jemand den etwas sehr glücklich gemacht hat, wird, auf dieser Endorphinwelle reitend, Glück ausstrahlen und „gutes“ tun. Anderen ebenfalls zu Glück verhelfen wollen.

Das gleiche passiert mit negativen Emotionen. Da fühlt sich jemand angesprochen, obwohl niemand direkt erwähnt wurde und regt sich furchtbar auf. Selbstreflexion passiert nicht mehr, ebenfalls spielt man seine eigenen Argumente nicht mehr durch. Vielmehr wird auf Kindergartenniveau geantwortet, nach dem Motto „Ach ja? Und… Und… Und du stinkst!“.

Das nenne ich dann eine Übertragung. Man fühlt sich Ertappt, fühlt sich schlecht deswegen. Quasi eiskalt eine Schwachstelle erwischt, was einen in die Entscheidung „Flucht oder Kampf“ zwingt. Nehmen wir mal an, in diesem Fall entscheidet sich der Ertappte für den Kampf. Das sieht dann häufig so aus:

Ach ja? Ich nehme an, du trägst Lederschuhe?

Ach ja? In deinem Handy, von dem du grad schreibst, sind nicht-vegane Bestandteile verarbeitet!

Ach ja? Was ist denn mit deinem Lederlenkrad im Auto?

Was haben diese Argumente gemein? Sie kümmern sich nicht um die Eingangsfrage, Behauptung oder Meinung, sondern versuchen, den Spieß umzudrehen und den Autor persönlich anzugreifen, Fehler beim Gegenüber zu suchen. Es geht nicht mehr darum, sich um das eigentliche Thema zu kümmern, sondern vielmehr darum, wie man selbst in dieses Bild hineinpasst, um Vergleiche. Meiner ganz persönlichen Meinung nach ist das eine eher egoistische Reaktion.

Du bist nicht besser als ich

Ich persönlich glaube ja, dass hier ein vielzitiertes Vorurteil zum tragen kommt:

Veganer sind besser als alle anderen

Ich muss ja zugeben, dass es tatsächlich Veganer gibt, die einem auf den Keks gehen. Aber Idioten gibt es überall, man sieht mehr davon, wenn man genauer hinschaut und finden will. Man kann das aber auch einfach lassen und sich entspannen. Sehr häufig sind diese nervigen Typen dann nicht vegan, weil sie etwas gutes tun wollen oder irgendeine Wahrheit erkannt haben, sondern weil sie tatsächlich etwas besonderes sein wollen. Das sind aber nur sehr wenige – ich selbst habe niemanden davon unter meinen Freunden.

Was ist nun also wirklich der Grund für die Aufregung? Da liest jemand eine Meinung, die ihn schlecht dastehen lässt. Das weiß derjenige, unbewusst ist die Faktenlage klar. Derjenige will diese Meinung aber nicht zulassen, denn das würde bedeuten, etwas ändern zu müssen. Nicht nur ein paar Gewohnheiten, sondern das ganze Leben, das ganze selbst. Das würde ändern, wie man Dinge im Alltag handhabt und, noch schlimmer, wie andere Leute einen wahrnehmen. Diese Bedrohung des eigenen selbst scheint derart schrecklich zu sein, dass man auf diese Verkündung einer Meinung nun reagieren MUSS.

Und nun?

In einigen Fällen klickt es im Laufe solcher Diskussionen wirklich bei einigen Leuten. Bei vielleicht einem Prozent der Menschen, aber das ist immerhin etwas. Dafür gehen wir jedesmal durch diese Qual, uns jedesmal wieder die gleichen, blöden Argumente anzuhören. Dafür lohnt sich der Scheiß.

Bei den meisten ändert sich allerdings nichts, von einigen liest man immer mal wieder unter den eigenen posts, dass das ja alles gar nicht stimmt, es wäre alles gar nicht so schlimm und so weiter. Man fragt sich nun, warum sind die noch da, wenn man doch so schlimme und unwahre Sachen behauptet? Vielleicht arbeitet es ja im Hinterstübchen. Vielleicht klickts beim nächsten Mal. Steter Tropfen höhlt den Stein – oder die Birne.

Kolumne

So, nun aber genug der negativen Gedanken. Denkt daran, dies ist eine Kolumne, in der ich keine Fakten aufzähle, sondern meinen persönlichen Gedanken nachhänge. Eure Erfahrungen und Meinungen können ganz anders sein. Sind sie das? Schreibts in die Kommentare!